Ja zu den Bundesjugendspielen

Klein Lotta (12) ist nach den Bundesjugendspielen („Bujus“) freudenstrahlend nach Hause gekommen. „Hier, ich habe eine Ehrenurkunde geschafft“. Sogar der Bundespräsident gratuliert mit seiner Unterschrift. 7,7 Sekunden ist sie die 50 Meter gerannt, 3.90 Meter weit gesprungen, mit dem Ball schaffte sie 32 Meter.

Tim dagegen ist mit Tränen in den Augen heimgekommen. Ihm hat es lediglich zu einer Teilnehmerurkunde gereicht, unterschrieben vom Sportlehrer. Für ihn kam die Teilnahme an diesem Schulsportwettkampf einer Niederlage gleich. So auch für seine Mutter. „Ich war jedes Jahr die Schlechteste“ erinnert sie an ihre eigene Schulzeit. Sie ist eine der sogenannten Helikopter-Mütter, die die Sache der Kinder immer zu ihrer eigenen macht.

Christine Finke (49) aus Konstanz hat jetzt eine Online-Petition in Gang gebracht und die Abschaffung der Bundesjugendspiele („Bujus“) gefordert. „Die Bundesjugendspiele in der jetzigen Form demotivieren die Schüler und setzen sie unter sozialen Druck“, schreibt die Mutter. Für viele weniger sportliche Schüler bedeuteten diese Spiele eine alljährlich wiederkehrende öffentliche Demütigung, meint sie. „Sport sollte Spaß machen und nicht nur für ein gutes Körpergefühl, sondern auch für Selbstbewusstsein sorgen, unabhängig vom Talent und Können des Einzelnen“, fordert Finke. 18 000 Unterzeichner haben sich ihrer Meinung angeschlossen. Auch durch das große Medienecho wurden jetzt die Verfechter der Bundesjugendspiele auf den Plan gerufen.

Seit 1951 ist dieser leichtathletische Dreikampf Bestandteil des Schulsports. 1979 wurde er um Schwimm- und Turndisziplinen ergänzt. Jährlich nehmen rund fünf Millionen Schüler an diesem Wettkampf teil. „Die Bundesjugendspiele sind ein unverzichtbarer Baustein, Jugendlichen Freude an Wettkampf und Bewegung zu vermitteln“, sagt Clemens Prokop, Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV). Die Bujus würden zudem wichtige pädagogische Erfahrungen enthalten, wonach Kinder durch Anstrengung und Fleiß ihre Leistungsgrenzen verschieben können.

In dieselbe Richtung argumentieren Manuela Schwesig, Bundesministerin für Familie, Senioren Frauen und Jugend, Brunhild Kurth, Präsidentin der Kultusministerkonferenz sowie Alfons Hörmann, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, indem sie auf die Erfahrung der eigenen Leistung als Teil der Persönlichkeitsbildung bei den Bundesjugendspielen hinweisen.

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In Zeiten, wo alles, auch im Sport, nur noch Spass machen soll, da nur noch Sieger produziert werden sollen, tut man sich im pädagogischen Bereich offensichtlich schwer, wetteifern, sich messen, gewinnen und verlieren, als wichtigen Bestandteil (schul)sportlicher Erziehung durchzusetzen. Die Chancen für den Transfer sportlicher Werte für andere gesellschaftliche Bereiche sinken damit. Bundesjugendspiele sind dennoch Bewährungsmöglichkeiten für den Umgang mit Sieg und Niederlage, wie in der Mathearbeit in der Schule, wie im richtigen Leben.

„Vieles im Leben ist Wettbewerb, Wetteifern und Vergleichen und von Anstrengungsbereitschaft geprägt“, zieht Fred Eberle (Schwäbisch Gmünd), WLV und DLV-Vizepräsident für Lehre, Bildung und Wissenschaft und Trainer des ehemaligen Weltklasse-Zehnkämpfers Siggi Wentz, einen Vergleich. Eberle, der als pädagogisches Gewissen im DLV gilt, hat bereits 2001 eine Konzeption „Neue Bundesspiele“ auf der Grundlage einer neuen, pädagogisch ausgerichteten Kinderleichtathletik mit erarbeitet, die in der Praxis längst erprobt ist. Hier geht es um Wettbewerbe in der Biathlonstaffel, im Hindernis- und Dreiecksprint oder dem Hindernis-Hoch-Weitsprung. Dieser Wettbewerb soll den klassischen Bundesjugendspiele-Wettkampf ergänzen.

Die Verantwortlichen im DLV betonen, dass die Bujus weniger mit dem Talentgedanken in Verbindung zu sehen seien, sondern die Schulsportkultur mit ihrem Eventcharakter bereichern sollen. „Für die Talentfindung dient eher Jugend trainiert für Olympia“, sagt Günter Mayer (Adelstette bei Schwäbisch Gmünd), WLV und DLV-Schulsportbeauftragter. Mayer kritisiert die Sportlehrerschaft, dass sie die neuen Bundesjugendspiele noch nicht flächendeckend in der Praxis umgesetzt hat.

Mit diesen Spielen wäre vielleicht die Bundesjugendspiele-Gegnerin auch einverstanden. Ob die Helikopter-Eigenschaft ihrem Sohn tatsächlich helfen kann, bleibt ungewiss. Lotta ist übrigens später baden-württembergische Jugendmeisterin im 100 Meter-Sprint geworden. Tim hat mit 24 Jahren in der Vorbereitung auf sein Examen an der Uni mit regelmäßigem Joggen begonnen.

Von Ewald Walker

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