"Stuttgart darf nicht zur leichtathletikfreien Zone werden"

Lesen Sie ein Interview mit WLV-Präsident Jürgen Scholz zur Frage des Umbaus des Gottlieb-Daimler-Stadions und der Entwicklung des Bundes- und Landesleistungszentrum Leichtathletik in Stuttgart.

Herr Scholz, in den letzten Monaten ist es still geworden um die Pläne des VfB Stuttgart, das Daimler-Stadion in eine Fußballarena umzubauen. In den letzten Tagen allerdings hat dieses Thema den WLV mit Macht wieder eingeholt. Wie stellt sich denn nun die Situation aus Ihrer Sicht dar?

Jürgen Scholz: Wir müssen die Sache realistisch betrachten. Es war uns ja bekannt, dass VfB-Präsident Staudt seine Pläne nach dem Scheitern des Stadionkaufs im vergangenen Herbst nicht zu den Akten gelegt hat. In den zurückliegenden Monaten wurde in Gesprächen zwischen Stadtverwaltung und VfB nach einer Alternative zum Kauf des Stadions durch den VfB gesucht. Allem Anschein nach ist man nun der Auffassung, das Ei des Kolumbus gefunden zu haben.

Bislang wurde von OB Dr. Schuster ja immer darauf verwiesen, dass der VfB das Stadion zu einem realistischen Preis kaufen müsse, wenn er es zu einer Fußball-Arena umbauen möchte. Wie soll denn der Umbau jetzt abgewickelt werden?

Jürgen Scholz: Dies zeigt, wie wenig man sich auf die Aussagen von Politikern verlassen kann. Auch wir haben uns ja immer dagegen gewehrt, dass dem VfB Geschenke gemacht werden, für die am Ende der Steuerzahler aufkommt. Nun soll es dem VfB aber noch viel einfacher gemacht werden. Anstelle des Kaufpreises in Höhe von 85 Millionen Euro zuzüglich Umbaukosten in Höhe von ca. 60 Millionen, wie OB Schuster es noch vor 2 Jahren vom VfB gefordert hat, soll sich der VfB nun für 27 Millionen Euro als „Juniorpartner“ in eine Betreibergesellschaft einkaufen, die dann den Umbau finanziert und die Fußball-Arena danach betreibt. Da der VfB den Pressemitteilungen zufolge seinen Beitrag zur Betreibergesellschaft von Sponsoren bereitgestellt erhält, würde er seine Fußball-Arena nun völlig ohne Einsatz von Eigenmitteln bekommen.

Stadion

Die Entscheidung über die Zukunft des Gottlieb-Daimler-Stadions wird aber nicht von der Stadtverwaltung getroffen, sondern von den gewählten Mitgliedern des Gemeinderats. Wie ist denn das Meinungsbild in diesem Gremium?

Jürgen Scholz: Um es kurz zu machen: im Stuttgarter Gemeinderat gibt es – wie in der Stadtverwaltung auch – einfach zu viele Fans der „Roten“. Ich habe in den vergangenen Tagen sehr viele Gespräche mit Mitgliedern der verschiedenen Fraktionen des Gemeinderats geführt. Dabei habe ich deutlich herausgehört, dass der Druck der VfB-Fans in den Gremien und in der Verwaltung auf die etwas besonneneren Mitglieder ständig höher wurde. Unsere Argumente, die gegen einen Umbau des Stadions sprechen, haben wir ja ausführlich dargelegt. Augenscheinlich ziehen die Bilder von der schönen neuen Fußballwelt auf dem Wasen, die der VfB in den schönsten Farben gemalt hat, mehr als unsere rationalen und seriösen Argumente. Auf jeden Fall habe ich aus diesen Gesprächen mitgenommen, dass bei der für den 24. April geplanten Grundsatzentscheidung des Gemeinderats eine Mehrheit für den Erhalt der Laufbahn keinesfalls mehr gesichert ist. Offensichtlich bietet der Beitrag des VfBs zur Betreibergesellschaft den Stadträten ausreichende Sicherheiten, um die finanziellen Risiken für die Stadt aufzufangen. Aus meiner Sicht ist dies aber ein Trugschluss, der den Steuerzahler noch teuer zu stehen kommen könnte.

Falls die Fußballarena nun doch kommen sollte, steht die Leichtathletik in Stuttgart dann mit leeren Händen da?

Jürgen Scholz: Dies war in der Tat lange Zeit zu befürchten. Die Stuttgarter Sportbürgermeisterin Dr. Eisenmann hat sich ja mehrfach dahingehend geäußert, dass sie in Stuttgart keinen Bedarf für ein Leichtathletikstadion als Ersatz für das Daimler-Stadion sieht. Dieser Auffassung bin ich ja immer vehement entgegengetreten, auch wenn für uns der Erhalt des Status Quo oberste Priorität hatte. Wir haben in unseren Gesprächen mit den Stadträten immer auch auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass im Falle eines Falles der Leichtathletik in Stuttgart das Licht nicht ganz ausgedreht werden darf. Diese Auffassung hat sich offensichtlich nun auch bei der Stadtverwaltung durchgesetzt. Die augenblickliche Konzeption für den NeckarPark nach einem Rückbau des Daimler-Stadions sieht einen Umbau bzw. eine Sanierung des maroden Stadions Festwiese vor.

Bedeutet dies, dass in absehbarer Zeit die Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Stadion Festwiese stattfinden werden?

Jürgen Scholz: Dies sehe ich noch nicht kommen. Die augenblicklichen Überlegungen der Stadtverwaltung gehen wohl nicht in eine dafür notwendige Größenordnung, man plant wohl eher eine oder zwei Nummern kleiner. Wie das Stadion Festwiese letztendlich einmal aussehen wird, muss sich erst noch herauskristallisieren. Nachdem die Stadt mit dem Konzept einer Betreibergesellschaft im Gegensatz zu einem Stadionverkauf keine finanziellen Mittel generieren würde, ist unsere Argumentation, dass mit diesen Mitteln eine Ersatzlösung für die Leichtathletik geschaffen werden muss, hinfällig.

Wichtig erscheint mir auf jeden Fall, dass durch unsere Intervention bei den Fraktionen im Stuttgarter Gemeinderat sichergestellt werden konnte, dass Stuttgart nicht zur „leichtathletikfreien Zone“ wird. Die Stuttgarter Vereine dürfen nicht schlechter gestellt werden als die Vereine der Region und des Umlands. Auch sie benötigen eine Veranstaltungsstätte, in der regionale und überregionale Veranstaltungen ausgetragen werden können.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch darauf hinweisen, dass ich im Bericht der Stuttgarter Zeitung vom 10.03.2008 völlig falsch wiedergegeben wurde. Das Zitat „Für ein kleines Stadion Festwiese gibt es keine geeigneten Wettbewerbe. Regionale Titelkämpfe werden ganz bewusst nicht in der Metropole, sondern im Umland ausgerichtet,“ wurde weder von mir so gesagt noch entspricht dies meiner Auffassung. Im Gegenteil: um die Leichtathletik in Stuttgart am Leben zu erhalten und zu stärken wären wir gerade nach dem Wegfall des Daimler-Stadions auf eine moderne und leistungsfähige Wettkampfanlage – wenn auch in kleinerem Rahmen als das Daimler-Stadion – angewiesen.

Im Zusammenhang mit den geplanten Umgestaltungen im Bereich des Neckarparks stand ja auch die Molly-Schauffele-Halle als Leichtathletik-Trainingshalle zur Disposition. Haben Sie dazu neue Erkenntnisse gewinnen können?

Jürgen Scholz: Die Molly-Schauffele-Halle, Kernstück des Bundes- und Landesleistungszentrums Leichtathletik ist ja in der Tat in die Jahre gekommen und Bedarf dringend einer Sanierung. Die ursprünglichen Planungen, die den Abriss der Molly-Halle und den Neubau einer kombinierten Trainingshalle mit Radrennbahn und 200 Meter-Laufbahn vorsahen, sind vom Tisch, da sich keine Finanzierungsmöglichkeit für dieses ehrgeizige Projekt abzeichnete. Im Zuge der Überlegungen für eine „kleine“ Ballsport-Veranstaltungshalle mit einer Kapazität von 2000 Zuschauern, hat die Stadtverwaltung die Idee entwickelt, diese Halle mit einer Leichtathletik-Trainingshalle zu kombinieren und in der Mantelbebauung des zu einer Fußballarena umgebauten Daimler-Stadions unterzubringen. Auf den nahe liegenden Gedanken, dass diese Kombination zwischen Veranstaltungs- und Trainingshalle gar nicht funktionieren kann und das Ende des Leichtathletikstützpunktes und langfristig auch des Olympiastützpunktes bedeutet hätte, ist man erst nach unseren energischen Protesten gekommen. Nun besteht Konsens, dass auch im Falle eines Stadionumbaus die Molly-Schauffele-Halle in ihrer augenblicklichen Form erhalten bleiben soll und mittelfristig saniert wird. Die unsägliche Planung einer kombinierten Ballsportveranstaltungs- und Leichtathletiktrainingshalle ist wohl vom Tisch.

Wie lautet denn nun Ihr Fazit?

Jürgen Scholz: Da ich die Chancen für einen Erfolg unserer Aktivitäten realistischerweise als minimal einschätze, müssen wir uns gleichzeitig die Frage stellen, was nach dem Wegfall des Gottlieb-Daimler-Stadions für die Leichtathletik in Stuttgart noch bleibt. Dazu müssen wir unsere Anstrengungen forcieren, um einen Erhalt bzw. eine Verbesserung der Strukturen im Bereich des Bundes- und Landesleistungszentrums Leichtathletik am OSP zu sichern. Dieses habe ich auch bereits in unsere Gespräche mit den Fraktionen einfließen lassen. Bislang bin ich dabei quer durch die Fraktionen auf offene Ohren gestoßen. Allerdings müssen wir in dieser Richtung jetzt rasch handeln, denn die Entscheidung im Stuttgarter Gemeinderat wird „im Paket“ gefällt werden. Das bedeutet, dass über die Gesamtkonzeption im Bereich NeckarPark, also über den Umbau des Daimlerstadions, die Sanierung der Molly-Schauffele-Halle und auch die Sanierung bzw. den Umbau des Stadions Festwiese insgesamt abgestimmt werden wird. Wir können es uns deshalb nicht leisten, zunächst nur um die Laufbahn im Daimler-Stadion zu kämpfen um uns bei einer Niederlage dann um das Stadion Festwiese zu kümmern. Wir müssen unbedingt zweigleisig fahren, denn in den nächsten Wochen werden unter Umständen die Weichen für die kommenden Jahrzehnte gestellt.

Lesen Sie hier aktuelle Presseartikel zur Frage des Stadionumbaus:

Stuttgarter Nachrichten 13. März 2008
Stuttgarter Zeitung 10. März 2008
Stuttgarter Zeitung 10. März 2008
BILD-Zeitung 7. März 2008
BILD-Zeitung 6. März 2008

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